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13 Feb

Rekrutierung per Sprachanalyse: Ohren auf bei der Bewerberwahl!

Sprachanalyse

Ein Computer, der herausfinden kann, ob ich zu einer bestimmten Stelle passe – die Rekrutierungs-Dienstleistung, die das Aachener Unternehmen „Precire“ anbietet, wirkt im ersten Moment ziemlich unseriös. Werden demnächst Maschinen über menschliche Karrieren entscheiden? Ich muss unbedingt wissen, wie die Sprachanalyse funktioniert! Mit einem Selbsttest geht es los.

Was mir an meinem Job besonders gut gefalle, fragt mich der Sprachcomputer unter anderem während unseres etwa 20-minütigen „Gesprächs“. Ich antworte prompt: Dass ich diesen Test machen darf! Nachdem ich die Rautetaste auf meinem Telefon betätigt habe, wird die nächste Frage eingespielt: „Auf welche Ereignisse in Ihrem Leben sind Sie besonders stolz?“.

Wollen oder sollen?
Precire fragt hauptsächlich nach schönen Dingen. Was genau ich erzähle, interessiert den ignoranten Computer aber nicht. Es geht bei dem Telefonat lediglich darum, mich zum Reden zu animieren. Wie ich später von meinem Interviewpartner Philipp Grochowski erfahre, hört sich auch keiner der menschlichen Wissenschaftler aus Precires 30-köpfigem Team an, was ich aufs Band geplaudert habe. Die Arbeit leistet der Computer alleine. Er analysiert meine Art zu sprechen, z.B. die Sprechgeschwindigkeit, die Sprechlautstärke, die Anzahl der Füllwörter (ähm, quasi usw.), die Satzlänge oder die Sprachkomplexität. Mit der Software werden Wörter unter die Lupe genommen, die wir nicht bewusst steuern. Sagen wir zum Beispiel oft „müssen“ oder „sollen“, wirkt das zwanghaft auf unser Gegenüber. Benutzen wir viele Relativierungen wie „teilweise“ oder „leicht“, wirken wir unsicher. Wie positiv oder negativ jemand im Gespräch rüberkommt, hängt auch sehr stark vom sprachlichen Resilienzindex ab. Der misst, ob man eher Begriffe wie „Sonne, warm, Hoffnung, Freude, schön“ benutzt oder „kalt, schwierig, blöd, traurig, Problem“. Und schließt damit auf die Widerstandsfähigkeit des Probanden. Ich habe Glück: Der Sprachcomputer attestiert mir eine optimistische Herangehensweise an aktuelle Herausforderungen und Veränderungen!

Wer jetzt denkt: „Alles klar, sollte ich jemals in einen Sprachtest geraten, weiß ich schon mal, worauf ich achten muss: positive Wörter benutzen“, den wird folgende Tatsache enttäuschen: Sobald wir mehrere Minuten am Stück reden, können wir unsere Sprache nicht mehr bewusst steuern. Werfen wir in einer Besprechung gezielt drei Sätze ein, sind diese meistens gut überlegt. Halten wir einen langen Vortrag, wird die Steuerung schwierig. Wir sind zwar inhaltlich gut vorbereitet auf das, was wir in unserer Rede transportieren wollen. Unsere Sprechweise aber ist Teil unserer Persönlichkeit, und da kann man sich schwer verbiegen. Ich erzähle Herrn Grochowski, dass ich für meinen Sprachtest im Büro gewartet habe, bis alle Kollegen gegangen sind. Das Gefühl, es könne jemand zuhören, hätte mich gehemmt und, so meine Sorge, das Ergebnis am Ende verfälscht. Grochowski klärt mich auf: „Das hätte kaum einen Unterschied gemacht. Vielleicht wären zwei, drei Parameter am Ende anders gewesen, das hat auf das Gesamtbild wenig Einfluss.“ Und dieses Gesamtbild hat es in sich: Precire vergleicht meine Daten mit Mustern und Strukturen aus zahlreichen Referenzdaten und zieht sehr konkrete Schlüsse daraus in Bezug auf meine Persönlichkeit. Beim ersten Blick in mein Testergebnis bin ich noch skeptisch. Nee, ist klar, das hat jetzt alles mal eben der Computer herausgefunden, denke ich spöttisch. Wahrscheinlich ein Selbstschutz: Erst mal muss man die Erkenntnisse verarbeiten, die Precire einem an den Kopf wirft. Der zweite Blick bringt Verblüffung: Die Software hat meinen Charakter erschreckend präzise erfasst. Meine Kontaktfreude liegt zum Beispiel im durchschnittlichen Messbereich. Das bedeutet: Ich plaudere durchaus gerne mal mit Freunden und Kollegen oder lerne neue Leute kennen. Jedoch brauche ich auch immer wieder den Rückzug. „Damit wären Sie im Vertrieb nicht gut aufgehoben“, übersetzt Grochwoski in den Arbeitsalltag. Überdurchschnittliche Werte erreiche ich bei Leistungsbereitschaft, Empathie und Neugier, was mich natürlich freut. Ebenso überdurchschnittlich ist aber leider auch meine Neigung, Füllwörter zu benutzen (äääh, echt?!). Grochowski beruhigt: So etwas könne man sich abtrainieren.

Personalentwicklung und Recruiting
Beim Stichwort „Abtrainieren“ sind wir schon bei einem der Haupteinsatzgebiete der Software: die Personalentwicklung. Einige Unternehmen testen mit der Sprachanalyse ihre Mitarbeiter, um deren Fähigkeiten zu verbessern. Precire stellt im Anschluss an die Tests Tutorials zur Verfügung, die bestimmte Eigenschaften trainieren. So kann der stoffelige Chef lernen, besser auf seine Mitarbeiter einzugehen, und der zurückhaltende Vertriebler lernt, wie er im Kundengespräch die Vertragsabschlüsse forciert. Bestenfalls erweitert man so sein sprachliches Spektrum und kann Dialoge aktiv steuern. Langsam komme ich auf den Geschmack. Sicher gibt es auch „Weg mit dem Äh“-Tutorials.

Das zweite Einsatzgebiet der Sprachanalyse ist die Rekrutierung. Auch hier geht es darum, nichts mehr dem Zufall zu überlassen. Precire kann z.B. dabei helfen, einen Kreis von Bewerbern näher kennen zu lernen. Der Test wird dem Vorstellungsgespräch vorgeschaltet. Im Gespräch selber kann der Personaler dann gemeinsam mit dem Bewerber das Ergebnis besprechen. Und er bekommt vorab schon gute Impulse für seinen Fragenkatalog. Ist der Kandidat wirklich für eine Führungsposition geeignet, obwohl die Software ihm nur eine geringe Durchsetzungskraft zuschreibt? Der Kandidat ist extrem motiviert und ausdauernd, aber hat er auch genug Einfühlungsvermögen, um seine Mitarbeiter bei Laune zu halten?

Die Zeiten, in denen jeder reden konnte, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, sind wohl endgültig vorbei, denke ich mir. Das Unperfekte wird eingestampft. Ich sehe uns schon alle als optimierte Wachsfiguren durch die Gegend laufen. Das sei natürlich nicht gewollt, sagt mir Grochowski. Es gehe darum zu lernen, Sprache gezielt für unsere Zwecke einzusetzen. Als hilfreiches Werkzeug, das man praktischerweise immer dabei hat. Precire verstehe sich als ergänzendes Medium zur Rekrutierung. Die Sprachanalyse könne und solle niemals die Bewerbung oder gar das Gespräch ersetzen.

Eins steht fest: Technologien wie Precire werden die Arbeitswelt tiefgreifend verändern. Zu beobachten, wie sich der Markt weiterentwickelt, gehört zu den schönsten Aufgaben in meinem Job. Das erzähle ich dem Sprachcomputer dann beim nächsten Mal.

www.precire.de