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29 Mai

Azubimarketing 2018 und 2030: Drei Fragen an Jo Diercks von Cyquest

AzubimarketingJo Diercks ist Gründer und Geschäftsführer von CYQUEST, Herausgeber des Buches „Recrutainment“ und Gastdozent an verschiedenen Hochschulen. Am 5. September beleuchtet er auf dem Flügge Kongress für  neues Azubimarketing die Frage, wie Berufsorientierung heute aussehen muss und was speziell Selbsttests, Matching-Tools und Eignungsdiagnostik dabei leisten können. „Ich kann was. Aber was?“ lautet der Titel des Vortrags. Der interaktive Flügge Kongress richtet sich an alle neugierigen Recruiter, Personal- und Ausbildungsmarketingexperten sowie Ausbilder, die der Zukunft mal ganz persönlich Hallo sagen wollen.

Herr Diercks, was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an heutige Schulabgänger denken – was ist anders im Vergleich zu Ihrer Schulzeit?
Ich würde das überschreiben mit „Orientierungslosigkeit“ auf der einen und „Information-Overload“ auf der anderen Seite. Das Gefühl von „Die Welt steht dir offen, du kannst alles werden“ trifft auf „Oh Gott, was werde ich denn!?“, die pure Überforderung. Vielfalt ist ja erst mal gut, aber wenn mich diese Vielfalt erschlägt, kann das zu Resignation führen: Das Buch ist so dick, da schlage ich gar nicht erst die erste Seite auf. Wer sich überfordert fühlt, orientiert sich schnell am Naheliegenden, vielleicht auch an Stereotypen. Ich mach das, was meine große Schwester gemacht hat oder was meine Freunde machen. Oder ich lasse mich von den Stereotypen aus dem Fernsehen leiten, so nach dem Motto: Ich mag den Tatort, dann gehe ich zur Polizei. Wenn das zum Zug kommt, dann werden die gleichen Auswahlfehler gemacht, die schon immer gemacht wurden, obwohl das Bildungsangebot mittlerweile so groß ist wie nie. Die Konsequenz muss eigentlich sein, dass ich meine Interessen mit der Umwelt abgleiche, aber dafür braucht es Hilfestellung, von alleine passiert das nicht. Nur wenn das große Ganze, z.B. in einem Berufswahltest, durch einen Filter läuft, bei dem am Ende genau mein Ding rauskommt, zumindest aber eine deutliche Eingrenzung stattfindet, kann ich mich orientieren. Im Gegensatz zu meiner Generation suchen sich Jugendliche heute auch stärker Unterstützung bei den Eltern und Lehrern. Ich habe zum Beispiel ein super Verhältnis zu meinen Eltern, ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, die zu fragen, was ich denn mal werden könnte. Das ist heute anders… Und das muss Azubimarketing im Hinterkopf behalten.

Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: Ein gutes Azubimarketing kommt in 2018 nicht vorbei an….
Orientierung auf Augenhöhe und Transparenz! Ich muss als Unternehmen in meinem Azubimarketing für den Jugendlichen die Frage beantworten: Passt die Ausbildung zu mir? Die Zielgruppe muss mein Angebot als Ratschlag und als Hilfestellung empfinden. Das kann ich tun: Einblicke geben, den Vorhang beiseite ziehen, das echte Arbeitsleben zeigen. Die potentiellen Kollegen zeigen, Einblick in die Tätigkeit geben und in das Gebäude, zum Beispiel durch virtuelle Unternehmensrundgänge. Matchingverfahren, die mir helfen zu entscheiden, passt das zu mir. Früher hatte man vorne die Hochglanzbroschüre und hinten die Ungewissheit. Man musste den Job erst mal antreten, um herauszufinden, wie die Unternehmenskultur aussieht. Das Mantra im Employer Branding der letzten Jahre lautete ja „So viel Authentizität wie möglich!“ Die Message ist angekommen und viele Arbeitgeber haben schon ihr Marketing angepasst. Das ist gut für Bewerber!

Schießen wir uns gedanklich in das Jahr 2030: Wie sieht Ihre Zukunftsvision bzw. Ihr Wunsch in Bezug auf die Kommunikation von Unternehmen mit jugendlichen Bewerbern aus?
Zum einen sehe ich, dass die Kommunikation mit der jungen Zielgruppe in einem erheblichen Maße durch künstliche Intelligenz unterstützt werden wird. Dass Algorithmen dabei helfen werden, die Passung zu identifizieren. Tests können zum Beispiel stattfinden auf den Karriereseiten der Unternehmen. Wir haben für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) einen Ausbildungsmatcher entwickelt, der tinderartig die Eignung von Bewerbern checkt. Das spricht an und macht Spaß, eine kurzweilige Entscheidungshilfe. Auch Berufswahl-Plattformen wie Einstieg.com setzen ja schon Orientierungstests ein, die Schüler mit Unternehmen und Hochschulen sowohl online als auch auf den Einstieg Messen matchen. Die Bewerber selber werden aber auch zunehmend Algorithmen für sich arbeiten lassen. Sie werden einmalig einen Test machen und das Ergebnis z.B. auf Bewerberplattformen hinterlegen, so dass die Plattform passende Angebote für sie sucht. „Ich lasse mich finden“ ist eine große Überschrift für 2030. Und vielleicht finden mich dann ja auch Ausbildungswege, auf die ich selber nie gekommen wäre! Der zweite Aspekt meiner Vision ist: Durch eine zunehmende Automatisierung wird vielleicht auch Zeit frei, es wieder ein bisschen mehr menscheln zu lassen. Wir haben zum Beispiel Kunden, die kriegen 70.000 Bewerbungen im Jahr. Wenn mir ein Bot dabei hilft, die Zahl zu reduzieren, so dass ich für die 2.000 offenen Stellen, die ich habe, vielleicht nur noch 4.000 oder 5.000 Bewerber anschauen muss, dann kann ich die freigewordenen Ressourcen nutzen, um mit den übriggebliebenen Kandidaten Veranstaltungen zu machen. Hier kann ich intensiv interagieren und alle näher kennen lernen. Ich kann Tage der offenen Tür machen für diese Interessentengruppe oder Ähnliches. Die Dialektik zwischen Automatismus und Menscheln, das ist das, was ich 2030 sehe.

Vielen Dank für das Gespräch!

15 Mai

Azubimarketing 2018 und 2030: Drei Fragen an Ali Mahlodji von WHATCHADO.com

 

Azubimarketing

Copyright: Ali Mahlodji

Ali Mahlodji kam 1983 als Flüchtlingskind aus dem Iran nach Deutschland. Das Thema Orientierungslosigkeit bei Jugendlichen hat ihn immer beschäftigt. 2012 gründete er deshalb das Start-up WHATCHADO.com, ein digitales Handbuch der Lebensgeschichten. Mit der Plattform möchte der international ausgezeichnete Visionär junge Menschen inspirieren. Ali ist am 5. September Keynote-Speaker auf dem Flügge Kongress für  neues Azubimarketing. Der interaktive Kongress richtet sich an alle neugierigen Recruiter, Personal- und Ausbildungsmarketingexperten sowie Ausbilder, die der Zukunft mal ganz persönlich Hallo sagen wollen. Alis Vortragsthema auf der Veranstaltung: Arbeitswelt im Umbruch. Führen einer neuen Generation.

 

Ali, was fällt dir als Erstes ein, wenn du an heutige Schulabgänger denkst – was ist anders im Vergleich zu deiner Schulzeit?

Die heutigen Schulabgänger haben wahrscheinlich viel mehr Stress als damals, sie wachsen in einer Welt auf, in der es ihnen oberflächlich betrachtet viel besser geht als der Großelterngeneration, in einer Welt, in der alles da ist. Die Großeltern haben noch den Krieg erlebt und leere Supermärkte. Die Jugendlichen wachsen in einer Welt auf, in der man über Amazon ein Produkt bestellen kann, das sofort verfügbar ist. Gleichzeitig haben wir durch die Digitalisierung eine sich ständig verändernde Arbeitswelt, in der es den lebenslangen Job nicht mehr gibt. 65 Prozent der Jobs, die wir in den nächsten Jahren ausüben werden, existieren noch gar nicht! Die Sicherheit, mit der man damals aufgewachsen ist, gibt es einfach nicht mehr. Wir werden auch nicht mehr die Rente bekommen, die die Großeltern hatten. Eine Welt voller Möglichkeiten, was auf den ersten Blick perfekt ist. Die Schule ist jedoch noch organisiert wie früher: Man lernt hier nach Vorgaben. Jemand sagt dir, was du wie in welchem Tempo lernen sollst. Wenn du dich daran hältst, wirst du gut benotet. Was das moderne Arbeitsleben braucht, sind aber Menschen, die nicht nach Vorgaben lernen, sondern die sich eigene Gedanken machen, die neue Ideen einbringen. Schülern fehlt heute die Orientierung und der Halt, sie wissen oft nicht, worauf es denn wirklich ankommt. Wenn wir an die Schulen gehen, merken wir das sehr. Wir versuchen die Jugendlichen dann zu ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen und sich nicht zu sehr von anderen beeinflussen zu lassen. Ich glaube übrigens auch, dass die Generationen künftig stärker zusammenwachsen werden, dass nicht nur die Jungen von den Alten lernen, sondern auch die Alten von den Jungen.

Bitte vervollständige folgenden Satz: Ein gutes Azubimarketing kommt in 2018 nicht vorbei an….
Ein gutes Azubimarketing kommt nicht daran vorbei, sich endlich mal in die Lebenswelt der Jugendlichen hineinzuversetzen.  Was junge Menschen heute antreibt, ist das Thema Sinn. Der Mensch entwickelt sich immer nur weiter, wenn er einen Sinn sieht in dem, was er tut. Unternehmen, die mit den Jugendlichen auf Augenhöhe sprechen und die ihre Azubis in das Azubimarketing einbinden, erreichen viel mehr. Was man auch nicht vergessen darf: Junge Menschen haben heute keine Geduld mehr. Sie können sich übers Internet jederzeit alles kaufen und müssen auf nichts mehr warten. Jede Serie ist im Netz verfügbar. Das ist für Unternehmen auch eine große Herausforderung. Sie müssen es schaffen, den Nachwuchs davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, zwei oder drei Jahre ihrer Zeit dem Unternehmen zu widmen. Das schafft man nur, wenn man Schüler ernst nimmt und ihnen zuhört. Und ihnen vor allem etwas zutraut! Die Azubis, die ihre Ausbildung gerne machen und die erfolgreich sind, sollte man unbedingt zu Azubi-Botschaftern machen. Sie können den Nachwuchs am besten für die Ausbildung begeistern und sind für authentisches Azubimarketing unerlässlich.

Schießen wir uns gedanklich in das Jahr 2030: Wie sieht deine Zukunftsvision bzw. dein Wunsch in Bezug auf die Kommunikation von Unternehmen mit jugendlichen Bewerbern aus?
Das Schöne ist, dass wir bis dahin eine neue Art von Bildungssystem haben werden. Wo der Unterricht viel näher dran ist an der echten Praxis. Einige Unterrichtselemente werden nicht mehr in der Schule stattfinden, sondern bei den Unternehmen vor Ort. Viel mehr Lehrer werden Menschen aus der echten Wirtschaft sein. Durch all das werden Schüler viel früher als jetzt mit dem echten Arbeitsleben in Kontakt kommen. Das Schulsystem wird nicht mehr in einzelnen Fächern denken, sondern die Disziplinen stärker vernetzen und Projektarbeit betreiben. Damit die Jugendlichen besser verstehen, wie die Dinge in unserem Leben funktionieren und entstehen. Wie Häuser und Smartphones gebaut werden, z.B., und wie man sie vermarktet. Das macht es den Jugendlichen später einfacher, sich für einen bestimmten Job zu entscheiden. Unternehmen sind dann schon mit Schülern in Kontakt, wenn die Berufswahl noch gar kein Thema ist, und sie müssen die Schüler als „Kunden“ betrachten, denen sie ihre Ausbildung schmackhaft machen wollen.  Engagierte Unternehmen werden sich in der Schule stark einbringen, sie werden Vorträge halten und Projektarbeit begleiten. Kein Unternehmen kann es sich heute mehr leisten, reine Pflichterfüller einzustellen. Deshalb müssen sie die jungen Leute schon früh dazu „erziehen“, selber zu denken und die Dinge in Frage zu stellen. Unternehmen, die sich darauf verlassen, dass sich die Schule und die Politik darum kümmern, werden schlechte Karten haben. Die Politik hinkt den Entwicklungen eher hinterher.

Ali, vielen Dank für das Gespräch!