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15 Jun

Warum es in der betrieblichen Nachwuchsgewinnung bald zugehen wird wie im Profifußball

Das Bild zeigt den Trendforscher Sven Gábor Jánszky.

Kürzlich hatte ich Gelegenheit, den Trendforscher Sven Gábor Jánszky zu interviewen, der in Leipzig den Thinktank 2b AHEAD leitet. Letztes Jahr hat Jánszky mit seinem Buch „Das Recruiting-Dilemma“ eine interessante Vision unseres Arbeitsmarktes im Jahr 2025 vorgelegt. Darüber – und über die Auswirkungen auf die Nachwuchsgewinnung der Unternehmen – wollte ich mit ihm sprechen.

Sven Gábor Jánszky, Sie schreiben in Ihrem Buch, dass im Jahr 2025 eigentlich jeder junge Mensch studieren muss. Für die Unternehmen in Deutschland, die weiterhin auf die duale Ausbildung setzen, ist das natürlich eine Horror-Vision.
Jánszky: „Das mag sein, aber wir müssen den Tatsachen ins Auge blicken: Deutschland wird in den nächsten Jahren wegen seiner Demografie einen Mangel an hochqualifizierten Fachkräften erleben, und zwar in einer Größenordnung, die sich viele heute noch gar nicht vorstellen können. Hinzu kommt, dass durch die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung sehr viele vergleichsweise einfache Jobs wegfallen, weil sie von Maschinen übernommen werden – oder aber nach Asien hinüber wandern, wo Arbeit günstiger ist. In der Konsequenz bedeutet das, dass wir bald enorm viele hochqualifizierte Menschen brauchen werden, um unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig wird es für die weniger gut Qualifizierten nicht mehr genug Arbeit geben. Das ist zwar keine schöne Aussicht, aber wir steuern zwangsläufig darauf zu.“

Die Unternehmen klagen schon heute über den „Akademisierungswahn“ und finden nicht mehr genügend Jugendliche für ihre Ausbildungsstellen? Ist die duale Berufsausbildung ein Auslaufmodell?
„Ich fürchte, ja. Dabei ist sie eigentlich ein tolles System, um das uns viele Staaten in der Welt beneiden. Aber dieses System funktioniert eben nur dort, wo der Arbeitsmarkt ein Angebotsmarkt ist, sprich: wo mehr Arbeitskräfte als Jobs zur Verfügung stehen. Das war in Deutschland lange der Fall, aber die Zeiten ändern sich. Jetzt wird aus unserem Angebotsmarkt gerade ein Nachfragemarkt, in dem es viele Jobs auf sehr hohem Niveau für viel weniger Arbeitskräfte gibt. Das führt ganz automatisch dazu, dass die jungen Leute an die Hochschulen streben. Ich glaube zwar nicht, dass die Ausbildung dadurch komplett stirbt. Aber sie wird gegenüber dem Studium weiter an Boden verlieren – einem Studium übrigens, das künftig ganz stark wirtschaftlich angebunden sein wird.“

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27 Mai

Vorsicht vor der Lobbyismus-Keule! Wie Schulkooperationen mit der Wirtschaft gelingen können

Die einen nennen es praxisnahe Unterrichtsgestaltung, die anderen versteckten Lobbyismus: Der Fall einer Schule-Wirtschaft-Kooperation aus Niedersachsen erfährt derzeit bundesweite Beachtung. Hintergrund ist die Entscheidung des Kultusministeriums in Hannover, die langjährige Zusammenarbeit von fünf Gymnasien mit verschiedenen Unternehmen der Erdöl- und Erdgasbranche nicht länger zu erlauben. Als Grund führte eine Ministeriums-Sprecherin die Sorge vor einseitiger Beeinflussung der Schülerinnen und Schüler an.

Die Organisation LobbyControl hat den Erlass der Schulpolitiker begrüßt – davon war auszugehen. Ebenso wenig überraschend, dass der Erdölverband WEG, der die Kooperation einst in der Staatskanzlei ausgehandelt hatte, mit Unverständnis reagiert. Allerdings bewerten auch die Leitungen der beteiligten Schulen die Zusammenarbeit mit den Energieunternehmen sehr positiv (nachzulesen etwa bei NDR.de oder in der ZEIT, die sich schon Ende 2013 mit dem Thema befasst hat) und hätten gerne weitergemacht. Kann man ihnen deshalb Blauäugigkeit unterstellen? Oder gar Käuflichkeit? Immerhin haben die Unternehmen ein hübsches Sümmchen Geld springen lassen, damit sich das Schultor für sie öffnet – laut Medienberichten 10.000 Euro jährlich pro Schule.

Blauäugig, käuflich? Pragmatisch!

Andererseits: Könnte man nicht auch sagen, dass die Schulleitungen ganz einfach das getan haben, was die Politik von ihnen verlangt? Nämlich: ihren Schülerinnen und Schülern frühzeitig Einblicke ins Arbeitsleben ermöglichen, damit sie nach dem Abitur nicht wie die Ochsen vorm Berg stehen, sondern eine fundierte, belastbare Berufsentscheidung treffen können. So arbeitet das niedersächsische Kultusministerium derzeit gemeinsam mit anderen Bildungsakteuren und den Sozialpartnern an einer Verbesserung des Übergangssystems für Jugendliche ins Berufsleben. Einer der Eckpunkte dabei ist explizit auch, die Berufsorientierung an Schulen um „systematische betriebliche Anteile“ anzureichern (s. Zeilen 50 bis 57).

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